Autor

Silke

In meinen vorherigen Blog-Posts habe ich mehrmals fallen lassen, dass ich gerne nach dem Save-the-Cat!‑Prinzip meine Bücher plane (oder es zumindest versuche). Im Folgenden möchte ich einmal erklären, was es eigentlich damit auf sich hat – und warum ich denke, dass dies ein unschlagbares Gerüst ist, mit dessen Hilfe man packende und unvergessliche Geschichten erschaffen kann.

Eins vorweg: Kein Autor ist dazu angehalten, sich an irgendwelche Plot-Gerüste oder Vorgaben zu halten. Ich kenne viele, die dies rigoros ablehnen und sich nicht in ein Korsett schnüren wollen, das ihnen ihrer künstlerischen Freiheit beraubt. Aber das ist ja gerade das Geniale an gut ausgeklügelten Plothilfen: Sie rauben einem gar nichts. Wenn richtig gemacht und verwendet, geben sie einem Autor maximale Freiheit und helfen gleichzeitig, die Auswüchse einer Geschichte im Zaum zu halten. Es gibt unzählige dieser Anleitungen, mal mehr, mal weniger streng, aber gerade die Save-the-Cat!‑Anleitung ist etwas, das mir persönlich besonders zusagt.

Warum überhaupt ein Schema, eine Struktur, ein Gerüst? Weil wir Menschen kulturell tief in gewissen Erzählstrukturen verankert sind. Das fängt bei der Bibel an, geht über orale Traditionen bis zum neuesten Spiegel-Bestseller. Wir erwarten einfach, dass bestimmte Bedingungen innerhalb einer Geschichte erfüllt werden, damit wir als Konsumenten ein befriedigendes Lese- oder Seherlebnis haben.

Der Ursprung von Save the Cat! stammt aus dem Drehbuchmilieu. Der amerikanische Drehbuchautor Blake Snyder veröffentlichte 2005 ein gleichnamiges Buch (Save the Cat! The Last Book on Screenwriting You’ll Ever Need), in dem er seine Beobachtungen aus Hollywood zu einem klar strukturierten, 15‑teiligen Beat Sheet zusammenfasste. Wer einmal einen Blick auf die Save the Cat!‑Webseite wirft, findet dort eine ganze Reihe von Filmanalysen, die die einzelnen „Beats“ innerhalb der Struktur verorten. Es wird also deutlich: Das System wird angewendet – und wo es angewendet wird, da wird es oftmals auch erwartet.

Wenn wir heute einen Film anschauen, dann erwarten wir, dass er einen Anfang hat, einen Mittelteil mit einer Art dramaturgischem Höhepunkt, und dann ein befriedigendes Ende. Es sei denn, wir sprechen von völlig abgehobener Kunst, die ihre eigenen Wege beschreitet – aber das ist etwas, das ich für meine Arbeit nicht beanspruche.

Die US-amerikanische Autorin Jessica Brody hat die Prinzipien des Drehbuchschreibens in ihrem Buch Save the Cat! Writes a Novel auf die Technik des Romanschreibens übertragen – und anhand zahlreicher Beispiele eindrucksvoll verdeutlicht. Dabei geht es um zwei wesentliche Komponenten: den Helden und die Geschichte selbst.

Der Held muss immer ein Problem haben – ansonsten hat er keinen Grund, der Held der Geschichte zu sein (wobei der Begriff Held natürlich nicht heroisch, sondern als Hauptfigur zu verstehen ist). Es geht also darum, was er glaubt, was er erreichen muss – und was es wirklich braucht, um dieses Ziel zu erreichen. Das sind zwei Paar Schuhe, die der Held erst im Laufe der Geschichte lernen wird, miteinander zu vereinen. Erst wenn er das erkennt (etwa zur Mitte der Geschichte), kann er das Problem wirklich angehen und sein Ziel auf richtige Weise verfolgen.

Die Geschichte selbst ist in die typische Drei-Akt-Struktur unterteilt, innerhalb derer bestimmte „Beats“ vordefiniert sind. Beats sind Wendepunkte oder Entwicklungsschritte, ohne die eine Geschichte nur schwer rund oder überzeugend wirkt. Jede Geschichte braucht zum Beispiel eine Einleitung, in der alle wesentlichen Bestandteile der Welt und der Figuren eingeführt werden – das ist Akt I.

Akt II ist dann der Mittelteil, im Wesentlichen das, worauf der Leser inhaltlich gewartet hat: die „umgedrehte Welt“, in der alles anders ist. Hier macht sich der Held auf den Weg, um sein Problem zu lösen – zunächst jedoch auf falschem Weg, weil er erst noch lernen muss, was es wirklich braucht, um erfolgreich zu sein. Erst nach dem sogenannten „Midpoint“ geschieht dieser Wandel. Danach tritt auch eine klare Gegenkraft auf den Plan – das kann ein klassischer Antagonist sein, aber auch ein innerer Konflikt oder eine feindliche Welt.

Dies kulminiert am Ende von Akt II mit einem Tiefpunkt, in dem alles verloren scheint – oft verbunden mit einem symbolischen oder tatsächlichen Tod. Der Held muss sich sammeln, neue Kraft schöpfen, und hat nun endlich verstanden, was es wirklich braucht, um sein Ziel zu erreichen. Dann beginnt Akt III, also das Finale – oft mit einer Rückkehr in die Welt des Anfangs, allerdings mit veränderten Voraussetzungen.

Auch das Finale ist wiederum fein säuberlich in Beats unterteilt, um sicherzustellen, dass der Plan des Helden nicht sofort aufgeht. Erst muss er eine letzte große Hürde überwinden – und dann kann die Geschichte zu einem befriedigenden Abschluss kommen.

Dieses Skelett ist unglaublich kraftvoll, weil es dem Leser die Möglichkeit gibt, anhand des Wandels der Hauptfigur etwas zu lernen – nicht nur über sie, sondern vielleicht auch über sich selbst.

Ich jedenfalls arbeite wahnsinnig gern mit diesem Schema und habe seit meinen Anfängen eine Menge darüber gelernt, wie man Heldenentwicklungen und Spannungskurven ausformuliert.

Save the Cat! von Jessica Brody ist derzeit nur auf Englisch erhältlich (im Gegensatz zur Drehbuchversion, die sich größtenteils mit dem von Brody deckt, aber die Beispiele anhand bekannter Romane vermissen lässt).

Wie sieht es mit euch aus? Nutzt ihr auch Save the Cat! oder ein anderes Plotsystem?

P.S.: Wer sich fragt, warum das Konzept so heißt, wie es heißt: Der Begriff stammt von einem Tipp Snyders, wie man einem Protagonisten früh im Film Sympathiepunkte geben kann – indem er zum Beispiel eine Katze rettet. Umgekehrt gilt: Wenn man einem Antagonisten möglichst unsympathisch machen will, lässt man ihn einer Katze (oder einem kleinen Hund, siehe Herzog Ernst in „Das Vermächtnis der Agnes Bernauer“) etwas antun.

Ich habe lange überlegt, ob ich an dieser Stelle meine Eindrücke von der Westminster Abbey teilen soll. Ich meine – ganz ehrlich –, wen interessiert das schon? Jeden Tag strömen Tausende durch dieses Wahrzeichen im Herzen Londons. Aber dann dachte ich: Vielleicht interessiert es ja doch den ein oder anderen – vor allem, weil ich als Autorin einen ganz besonderen Bezug zu diesem Ort habe. Dazu später mehr. Vorweg ein paar Tipps für alle, die einen Besuch planen.

Planung ist alles

Es lohnt sich, die Tickets vorab online zu buchen. Am Tag unseres Besuchs war das Areal rund um die Abtei so überfüllt, dass es eher an ein Musikfestival erinnerte als an ein Kirchenareal. Interessanterweise schien London an diesem Wochenende fest in italienischer Hand zu sein – zumindest, was Reisegruppen betrifft. Warum das so war? Keine Ahnung – aber wenn ihr eine Theorie habt, lasst es mich wissen! Dank unserer Tickets konnten wir jedoch schnurstracks an der irre langen Schlange vorbeispazieren, ein echt befreiendes Gefühl.

Die Eintrittskarten bekommt man auf der offiziellen Website der Westminster Abbey. Mit rund 30 Pfund pro Person ist das nicht gerade günstig – aber hey, es ist London. Und für alle, die sich für britische Geschichte und Kultur interessieren, ist der Preis absolut gerechtfertigt. Vorsicht: Die Kirche ist nicht immer für Besucher geöffnet, allein deshalb sollte man gut planen! Und noch etwas: Für nur 5 Pfund extra erhält man Zugang zur Queen’s Diamond Jubilee Galleries – eine lohnenswerte Investition, aber dazu später mehr.

Gräber, Grüfte und ganz viel Geschichte

Viele kommen wegen der berühmten Gräber – und ja, das ist wirklich beeindruckend. Die meisten Bereiche darf man frei durchstreifen, aber wer das Grab von Elisabeth I. sehen möchte, muss sich etwas gedulden. Sie ruht in einer kleinen Kapelle hinter dem Hochaltar, gemeinsam mit ihrer Halbschwester Maria I. Tudor – ein bemerkenswerter historischer Zufall, wenn man bedenkt, wie verfeindet sie zu Lebzeiten waren.

Mein persönlicher Gänsehautmoment: der Sarkophag von Heinrich V. – Leser:innen meines Romans Der Schwur der Gräfin wissen vielleicht, warum mich das so berührt hat. Natürlich ist meine Geschichte fiktiv, aber solche realen Orte zu sehen, gibt dem Ganzen eine ganz eigene Tiefe.

Poets’ Corner – Literatur zum Anfassen

Ein Highlight für mich: Poets’ Corner, wo viele große britische Literat:innen ihre letzte Ruhe gefunden haben – oder zumindest durch Gedenktafeln geehrt werden. Mein ganz persönlicher Crush: Lord Byron. „Mad, bad and dangerous to know“ – so beschrieb ihn eine Zeitgenossin. Und ja, in seiner Poesie liegt definitiv ein Hauch Sex-Appeal.

Auch Jane AustenLewis CarrollGeoffrey Chaucer (der erste, der hier beigesetzt wurde), Charles Dickens (ja, wirklich!) und natürlich Shakespeare sind hier vertreten – Letzterer zwar nicht mit Gebeinen, aber mit dem wohl prominentesten Denkmal des ganzen Areals. Alles in allem: eine literarische Pilgerstätte.

Ort der Krönungen

Die Westminster Abbey ist Krönungskirche der britischen Monarchie – zuletzt 2023, als Charles III. hier gekrönt wurde (Fun Fact: Als Australierin ist er auch mein König). Der berühmte Krönungsstuhl, auf dem seit dem 14. Jahrhundert alle englischen und später britischen Monarchen gekrönt wurden, ist zu sehen – allerdings hinter Glas.

Historische Details und stille Ecken

Als Abteikirche bietet die Abbey natürlich auch einen Kreuzgang. Wer genau hinschaut, entdeckt hier die älteste erhaltene Tür Großbritanniens – über 1.000 Jahre alt! Man stelle sich vor, wer da schon alles durchgegangen ist…

Besonders sehenswert: der Kapitelraum mit verblassten mittelalterlichen Wandmalereien und eindrucksvollen Bodenfliesen. Kriegsschäden und Zeit haben den Bildern zugesetzt – was sie für mich nur noch kostbarer macht.

Queen’s Jubilee Galleries – hoch hinaus!

Die Queen’s Diamond Jubilee Galleries liegen im oberen Kirchenschiff. Kleiner Tipp: Nehmt den Aufzug! Der Aufstieg über fünf Stockwerke war… sagen wir mal… sportlich.

Oben angekommen, wird man mit Ruhe, einem tollen Ausblick und faszinierenden Ausstellungsstücken belohnt: darunter mittelalterliche Handschriften, prunkvolle Reisetruhen und hölzerne Totenfiguren in Schlafpose – sogenannte „Effigies“. Besonders berührt hat mich die Darstellung von Catherine de Valois, Ehefrau Heinrichs V. Ich hatte das Gefühl, einer Figur aus meinem Roman ins Gesicht zu blicken. Vielleicht wurden diese Figuren angefertigt, um schnell ein Abbild des Verstorbenen zu erhalten, während die steinernen Porträts in Auftrag gegeben wurden – gesicherte Hinweise darauf habe ich leider nicht gefunden.

Fazit

Ein Besuch in der Westminster Abbey ist mehr als nur Sightseeing. Wer sich für Geschichte, Literatur oder royale Zeremonien interessiert – oder einfach ehrfürchtig staunen will –, ist hier genau richtig. Für Fans historischer Romane (zum Beispiel von Rebecca Gablé) ist der Ort pures Gold: Viele der hier beigesetzten Figuren kennt man wie alte Bekannte.
Ein Ort zum Staunen, Gedenken – und zum Geschichtenfinden.

Zum Abschluss noch ein Foto-Dump!

Als ich damals für „Die letzte Fehde an der Havel“ recherchierte, war ich fasziniert vom Stand der Kaufleute und Krämer. In den aufstrebenden Städten des Mittelalters erreichten sie mit ihrem Reichtum etwas, das dem Bürgertum bzw. dem dritten Stand bislang verschlossen geblieben war: Einfluss, Macht und Wohlstand. Man denke nur an die Fugger, die es mit den Großen der damaligen Welt aufnehmen konnten. Wenn wir heute durch eine vom Krieg größtenteils verschonte Innenstadt schlendern, dann sind es meist die Häuser der Kaufleute, die uns innehalten und staunen lassen. Drei, vier Stockwerke sind sie hoch, aufwändig verziert – ja, beinah protzig und zweifellos selbstbewusst.

Stralsund ist so eine Stadt, die vom Krieg relativ verschont geblieben ist. Dank ihres reichen Erbes an sogenannter Backsteingotik zählt sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Grund genug also, das Stadtmuseum aufzusuchen – nur leider war dieses während unseres Besuchs vor ein paar Wochen größtenteils geschlossen. Aber eines der Häuser war geöffnet: ein 700 Jahre altes Krämerhaus.

Man muss wissen, dass Krämer nicht gleich Kaufleute sind, auch wenn die Ausdrücke oft synonym verwendet werden. Ein Kaufmann war jemand, der mit Waren über weite Distanzen handelte, oft von Business zu Business. Ein Krämer hingegen verkaufte direkt an den Kunden und unterhielt zu diesem Zweck ein günstig gelegenes Haus – direkt am Markt oder nicht weit davon entfernt.

Nicht viel lässt erahnen, dass das Haus in der Mönchstraße 38 in Stralsund ein solches Alter auf dem Buckel hat. Das liegt vor allem daran, dass es zwei Vorbauten hat, in denen unter anderem ein Buchgeschäft angesiedelt ist. Aber wenn man dazwischen hindurchgeht, steht man plötzlich in einer Diele aus der Zeit des Barock. Eine Diele war eine Art Einfahrt, wo man be- und entladen konnte. Später kamen bei diesem Haus Einbauten hinzu, zum Beispiel ein Klosett (ja, genau, fürs andere „Geschäft“) und eine verglaste Kammer, die etwa als Logierzimmer gedient haben könnte.

Hier bekommt man zunächst ein, zwei kurze Filme gezeigt, denn dass das Haus nach all der Zeit (und der DDR) überhaupt noch steht, grenzt an ein Wunder – und ist vor allem einer sehr umsichtigen und aufwändigen Denkmalpflege zu verdanken. Hier erfährt man auch, dass das Haus zeitweise von bis zu sieben Parteien bewohnt war. Angesichts des baufälligen Zustands Ende der 1990er-Jahre ist das kaum vorstellbar.

Doch zurück ins Mittelalter: Wie wir bei unserem Besuch erfuhren, lebten die ersten Besitzer des Hauses nicht im Gebäude selbst, sondern in einem Anbau im Hof. Das ist umso erstaunlicher, wenn man sich die Größe des Hauses vor Augen hält: Hier konnten Waren auf ganzen sechs Etagen gelagert werden. So groß wirkt das Haus von außen gar nicht – aber das liegt daran, dass im Dachgeschoss die Stockwerkhöhe massiv nachlässt.

Das mittelalterliche Wohnhaus der Familie existiert heute nicht mehr (an seiner Stelle befinden sich nun ein Treppenhaus als Fluchtweg sowie die Sanitäranlagen), dafür kann man im Haupthaus sehen, wie die jeweilige Besitzerfamilie in der Biedermeierzeit gelebt hat – inklusive Schwarzküche, guter Stube, Arbeitszimmer und etlichen Lagen von Tapeten.

Darüber beginnt dann der Dachstuhl – ganze vier Etagen davon. Man muss sich als Besucher schon ein wenig trauen, die engen Stiegen hochzukraxeln, um ganz nach oben zu gelangen. Doch der Aufstieg lohnt sich: Das Haus verfügt bis heute in seinem Zentrum über einen mittelalterlichen Lastenkran, mit dem mittels eines verschließbaren Schachts Waren nach oben gehievt werden konnten.

Ein eindrucksvoller Zeitzeuge über die Jahrhunderte. Ich konnte natürlich nicht widerstehen und habe mir ein Büchlein mitgenommen, das die Geschichte, den Aufbau und die Restaurierung des Gebäudes näher beleuchtet.

Fazit: Für Mittelalterfans, die Stralsund (oder Rügen) besuchen, ein absolutes Muss.

Kindheit in der Hölle – Stephen Kings düstere Fantasie im „Institut“

Ich bin mit Stephen King großgeworden und habe als Pre-Teen so ziemlich alles verschlungen, was er bis dahin veröffentlicht hatte – inklusive der Bücher unter seinen Pseudonymen wie Richard Bachman. Seitdem sind gefühlt noch fünfzig weitere Romane hinzugekommen, da musste ich irgendwann einfach kapitulieren. Mein absoluter Lieblings-King bleibt Friedhof der Kuscheltiere – vor allem, weil die Geschichte so stimmig ist. Das ist bei King nicht selbstverständlich. Als Bauchschreiber, der offenbar lossprintet, sobald ihn eine Idee packt, ist er berüchtigt für schwächelnde Enden. Man denke an den esoterischen Abschluss von The Stand oder das zerfaserte Finale von Es. Trotzdem: Der Weg dorthin ist fast immer unterhaltsam.

Das Institut sprang mir ins Auge, weil ich es in Literaturkreisen immer wieder erwähnt fand – und zwar mit überraschend viel Lob. Ich war neugierig und stürzte mich ohne Klappentext ins Abenteuer. Kurz gesagt: Im titelgebenden Institut werden Kinder mit übernatürlichen Fähigkeiten wie Telekinese oder Telepathie festgehalten und für militärische Zwecke ausgebeutet. Die Methoden sind brutal, die Folgen verheerend – viele dieser Kinder enden als apathische Hüllen ihrer selbst. Jahrzehntelang bleibt das verborgen – bis ein neuer Junge eingewiesen wird: hochintelligent, mutig, und entschlossen, zu entkommen.

So weit, so King. Besonders spannend ist der Einstieg: Statt direkt ins Institut einzutauchen, begleitet man zunächst über etliche Kapitel einen Ex-Polizisten, der auf verschlungenen Pfaden in einer Kleinstadt landet und dort als Nachtwächter arbeitet. Erst danach erfolgt der abrupte Szenenwechsel zum Institut – ein erzählerischer Bruch, den sich vermutlich nur Stephen King leisten kann. Ich wüsste gern, wie viele Leser:innen das erste Kapitel beim zweiten Drittel des Buches bereits vergessen hatten. Vielleicht ist das genau so gewollt.

Im weiteren Verlauf verläuft alles recht erwartbar – was schade ist. Die Geschichte nimmt ihren typischen Lauf: Flucht, Widerstand, Explosionen, Opfer. Auch Figuren, die einem ans Herz gewachsen sind, überleben nicht. Trotzdem fehlten mir überraschende Wendungen oder erzählerische Risiken. Das Institut liest sich streckenweise wie ein Echo früherer Werke (FirestarterCarrieDie Arena) – solide, spannend, aber nicht bahnbrechend.

Und doch bleibt der Roman lesenswert. Vielleicht, weil King hier nochmal Kind sein wollte – oder zumindest nachfühlen, wie sich Kindheit in Extremsituationen anfühlen könnte. Inmitten von Gewalt, Überwachung und Manipulation steht das, was King oft am besten kann: eine düstere Coming-of-Age-Erzählung mit großem Herzen.

Fazit: Unterhaltsam, düster, typisch King – mit erzählerischen Längen und einem klaren Ende, das erfreulich rund ist. Kein Meisterwerk, aber ein solider Beitrag im King-Kanon.

Titel: Das Institut
Autor: Stephen King
Verlag: Heyne Verlag, 2019
Originaltitel: The Institute
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt

P.S.: Keine Werbung – ich teile einfach nur meine ehrliche Meinung.

Es gibt viele – mehr oder weniger gute – Gründe, Bücher zu schreiben. Die einen tun es aus Spaß an der Freud, die anderen, weil sie gelesen werden wollen (zu denen zähle ich mich), und wieder andere hoffen auf ein kleines, feines Nebeneinkommen. Und das sage ich ganz wertungsfrei: Wer möchte seine Zeit nicht mit etwas verbringen, das Freude macht und vielleicht auch ein bisschen Geld einbringt?

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: Ja, mit eBooks lässt sich Geld verdienen. Tatsächlich machen sie bei mir den Großteil der Einnahmen aus. Aber – und das ist mir wichtig – ganz so einfach, wie es manchmal klingt, ist es nicht.

Ein eBook schreibt sich nicht mal eben nebenbei. Wer einen ganzen Roman mit rund 300 Seiten schreiben will, muss Durchhaltevermögen, Struktur und eine ordentliche Portion Wahnsinn mitbringen. Denn anders als bei Kurzgeschichten reicht es hier nicht, eine nette Idee schön aufzuschreiben – ein Roman muss über viele Kapitel hinweg tragen, logisch aufgebaut sein, unterhalten, Emotionen wecken und dabei noch sprachlich rund bleiben. Natürlich kann man auch eine Sammlung von Kurzgeschichten veröffentlichen, aber meiner Erfahrung nach verkaufen sich durchgehende Romane deutlich besser.

Die Zeit, die in ein eBook fließt, ist also enorm – und die Lernkurve gefühlt endlos. Schreibhandwerk, Dramaturgie, Formatierung, Vermarktung … Man muss bereit sein, sich immer wieder in neue Themen reinzufuchsen. Wer sich darauf einlassen kann (und vielleicht ein kleines bisschen schreibverrückt ist), hat schon gute Karten.

Und ja, natürlich steht im Raum: „Aber KI kann das doch auch!“

Dazu nur so viel: Ich finde, Geschichten gehören in Menschenhand. KI darf gern den Abwasch machen oder die Steuer sortieren – aber das Erzählen, das Fühlen, das Aus-dem-Bauch-Schreiben … das lassen wir lieber bei uns Autor*innen, oder?

Was die Kosten betrifft: Ein eBook lässt sich mit etwas technischem Geschick auch mit kleinem Budget umsetzen. Wer will, kann viel Geld in Profis investieren – für Lektorat, Korrektorat, Buchsatz, Coverdesign. Aber Achtung: Der finanzielle Aufwand rechnet sich nicht immer sofort. Leser*innen honorieren leider nicht automatisch, wie viel Liebe und Sorgfalt in einem Buch steckt. Auch ich wünschte mir manchmal, Lektorate würden sich immer bezahlt machen – ich schätze ihre Arbeit sehr. Aber die Realität ist: Nicht jedes perfekt lektorierte Buch verkauft sich besser als ein unperfektes.

Technisch ist Selfpublishing heute übrigens so einfach wie nie. Plattformen wie Amazon KDP machen den Einstieg wirklich niedrigschwellig. Wer ein bisschen Geduld mitbringt und sich nicht vor Webformularen fürchtet, kann sein eBook in wenigen Stunden veröffentlichen. Und Hilfe gibt’s en masse – sei es in Schreibgruppen, auf Instagram oder zum Beispiel beim Selfpublisher-Verband.

Und wie sieht’s mit den Chancen aus? Der eBook-Markt wächst. Besonders in Genres wie Romance, Krimi, Fantasy und Thriller wird online ordentlich gelesen – oft sogar lieber digital als auf Papier. Laut Börsenverein lag der eBook-Anteil am Gesamtumsatz im Publikumsbuchmarkt zuletzt bei über 8 %, in bestimmten Nischen deutlich mehr. Im Selfpublishing ist das eBook ohnehin das stärkste Standbein – mit höheren Tantiemen (60–70 % bei Amazon) und größerer Flexibilität.

Mein Fazit: Ja, es lohnt sich – wenn man bereit ist, Zeit, Herzblut und ein bisschen Geld zu investieren. Wer sowieso schon gern liest und schreibt, wer Lust auf Geschichten, Themen und Figuren hat, die lebendig werden dürfen, für den ist das Selfpublishing ein großartiger Weg.

Aber wer glaubt, das gehe mal eben schnell oder ohne Mühe, dem sei gesagt: Schreiben ist ein Langstreckenlauf.
Ein schöner, lohnender – aber eben auch einer, bei dem man manchmal keuchend am Straßenrand sitzt und sich fragt, warum man sich das eigentlich antut. Und genau dann hilft nur eins: tief durchatmen, Kaffee nachgießen – und weiterschreiben.

Australische Abgründe: Wenn der Roadtrip zum Krimi wird

Hier kommt eine kleine Besprechung eines englischsprachigen Mystery-Romans, der besonders für Australien-Fans interessant sein dürfte. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört – es war im Audible-Abo kostenlos enthalten, und genau das war der Grund, warum ich völlig unvorbereitet und ohne jede Erwartung eingestiegen bin. Zum Glück: Denn schon nach wenigen Minuten hatte mich die Prämisse gepackt.

Ein Autofahrer beobachtet in der australischen Wildnis – bei strömendem Regen und mitten in der Nacht – eine Frau, die mit einem kleinen Kind an der Hand in die Everglades rennt. Es sieht aus, als sei sie auf der Flucht. Er ruft die Polizei, doch die findet zunächst nichts. Erst später stößt man auf ein verlassenes Auto auf dem Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums. Die Tür steht trotz des Regens weit offen. Im Wagen: ein bewusstloses Teenager-Mädchen und eine Packung Insulin. Die Halterin des Wagens ist schnell ermittelt – sie ist die Frau, die in der Nacht gesichtet wurde. Es stellt sich heraus: Zwei weitere Kinder schlafen zu diesem Zeitpunkt allein in einem Wohnwagen. Zwei Schwestern. Ihre Mutter bleibt verschwunden.

20 Jahre später versucht die jüngste Tochter, Lily – damals etwa zwölf Jahre alt –, das Rätsel um das Verschwinden ihrer Mutter zu lösen. Ist sie tot? Wurde sie entführt? Hat sie ihre Kinder im Stich gelassen? Und welche Rolle spielen ihr Vater – und sogar ihre eigene Schwester?

Die Geschichte entfaltet sich wie ein Roadtrip durch das moderne Australien. Und genau das ist einer der großen Pluspunkte: Autorin Anni Taylor lebt an der Central Coast nördlich von Sydney und fängt Landschaft, Atmosphäre und die Veränderungen seit den 1990ern sehr gut ein. Besonders schön für alle Australien-Fans: die Route, die Lily auf ihrer Spurensuche zurücklegt, führt von Brisbane über Byron Bay und Sydney bis nach Tasmanien.

Allerdings gab es auch einige Momente, in denen ich innerlich abgewunken habe. Als die Schwestern zum Beispiel in Byron Bay – natürlich! – zufällig auf die Hemsworth-Brüder treffen (ja, genau diese Hemsworths), wurde es mir persönlich etwas zu viel. Weitere Enthüllungen rund um die Auflösung des Falls wirken dann leider ähnlich bemüht. Vieles ist schlicht unglaubwürdig – insbesondere, was die Vergangenheit der Schwester betrifft. Auch rechtliche und praktische Fragen (Stichwort: Kindesentführung, Visumsbestimmungen, australische Einwanderungsgesetze) bleiben sehr großzügig ignoriert. Dazu kommen kleine Alltagsfehler – etwa, dass eine Busfahrt nach Milsons Point in Sydney angeblich deutlich stressfreier sei als ins Stadtzentrum (was jeder, der dort einmal unterwegs war, vermutlich bezweifeln würde).

Fazit: Ein solider Mystery-Roman mit einer spannenden Grundidee und einer wunderbaren Kulisse. Wer sich gern literarisch entlang der australischen Ostküste treiben lässt, wird mit diesem Buch seine Freude haben – auch wenn die Auflösung nicht ganz überzeugen kann. Für zwischendurch und zum Träumen vom anderen Ende der Welt aber absolut geeignet.

Autorin: Anni Taylor
Titel: Birds in Flight (englische Ausgabe)
Verlag: Bookish Coast, 2023

P.S.: Wie immer keine Werbung – nur meine ehrliche Meinung. Das Hörbuch habe ich mir selbst zugelegt und nicht geschenkt bekommen.

Ein historischer Roman kann vieles sein: eine Liebesgeschichte, ein Thriller, eine Biografie … Es gibt nicht den historischen Roman, er gehört immer auch noch einem anderen Genre an. Was ihn dann „historisch“ macht, ist nicht nur, dass er in der Vergangenheit spielt – sondern dass diese Vergangenheit selbst zum Thema wird. Und zwar eine richtig vergangene Vergangenheit.

Sorry, aber ein Roman, der in den 1960ern spielt, ist für mich kein historischer Roman, sondern ein zeitgenössischer. Schließlich gibt es noch LeserInnen, die diese Zeit miterlebt haben – das ist für mich ein entscheidender Unterschied. Aber ich schweife ab.

Ein historischer Roman spielt also vor historischer Kulisse. Wie stark diese Kulisse ins Gewicht fällt, ist ganz unterschiedlich: Manchmal ist sie nur ein vager Hintergrund, beliebig austauschbar. Und manchmal ist sie so zentral, dass die Geschichte ohne sie nicht funktionieren würde – weil z. B. wichtige historische Persönlichkeiten oder bekannte Ereignisse eingebunden sind.

Ich habe in der Vergangenheit beides ausprobiert: Ich habe mich an historische Persönlichkeiten geklammert (Dietrich von Quitzow, Jakobäa von Bayern) oder an Ereignisse wie den Verrat an der Stadt Dortmund oder die Ermordung der Agnes Bernauer. Beides setzt voraus, dass man gewissenhaft recherchiert – also nicht nur die Figur oder das Ereignis an sich, sondern auch die Umstände davor und die Folgen danach. Dazu kommen Zeitgeist, Normen, gesellschaftliche Erwartungen und – ganz wichtig – eine Zeitschiene, entlang der sich die Geschichte entfalten kann.

Für mich ist genau das einer der schwierigsten Aspekte beim Schreiben eines historischen Romans, wenn man die Historie einigermaßen ernst nehmen will. Denn: Das echte Leben folgt keinem romantischen Spannungsbogen. Es gibt Pausen, Rückschritte, seltsame Nebenstränge. Viele AutorInnen greifen deshalb zu künstlerischer Freiheit: Sie rücken die Zeitleiste gerade oder erfinden Dinge dazu, damit die Geschichte „runder“ wird. Dagegen ist aus meiner Sicht nichts einzuwenden – solange das im Nachwort offengelegt wird. Denn ich glaube, die meisten LeserInnen historischer Romane möchten nicht nur abtauchen, sondern auch etwas lernen. Wenn ihnen dabei falsche Fakten untergejubelt werden, ist niemandem geholfen.

Ich persönlich versuche, dieses Zurechtbiegen so weit wie möglich zu vermeiden. Das hat allerdings zur Folge, dass meine Geschichten manchmal als sperrig wahrgenommen werden. Ist das gut? Sollte ich dazu stehen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich lerne ja noch.

Im Fall der „Jakobäa“ bekam ich z. B. die Rückmeldung einer Leserin, die Figur sei ja unerträglich – sie halte sich für großartig und scheitere doch ständig. Ja, genau so war es. Hätte ich sie zur Heldin in goldener Rüstung machen können? Natürlich. Aber das hätte meiner Vorstellung nicht entsprochen. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zur Planung: Es ist keine gute Idee, einfach nur die Historie nachzuerzählen. Das ergibt schnell Längen, Brüche, irrelevante Passagen – also alles, was in einem Roman nichts zu suchen hat. Deshalb nehme ich mir nach der historischen Zeitleiste einen Spannungsbogen zur Hand. Einer, der Wendepunkte kennt, Höhepunkte, Entwicklungen. Es gibt verschiedene Methoden (für alle, die – wie ich – nicht aus dem Bauch schreiben). Mein Favorit ist „Save the Cat“. Das Konzept stammt ursprünglich aus dem Drehbuchbereich, funktioniert aber wunderbar auch für Romane. Es sorgt dafür, dass die Szene gut gesetzt wird, dass der Protagonist Erfahrungen sammelt und sich entwickelt – und dass das Finale sich organisch aus der Handlung ergibt.

Natürlich wäre alles einfacher, wenn ich die historischen Fakten außen vor lassen könnte. Aber das Leben wäre ja langweilig ohne solche Herausforderungen.

Früher war für mich der historische Stoff der Ausgangspunkt. Die Figur, das Ereignis – daraus wuchs dann der Roman. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das immer der richtige Ansatz ist. Ich weiß, einige LeserInnen schätzen meine Bücher genau deshalb. Aber dieser Anspruch macht es eben auch schwer, eine „rundere“, zugänglichere Geschichte zu schreiben. Kommerziell funktioniert das einfach anders.

Und das gehört zum Schreiben dazu: Man kommt nie irgendwo an. Man entwickelt sich, fasst neue Pläne, probiert Ideen aus – und ändert auch mal die Meinung. Mein neues Projekt zum Beispiel spielt eher vor historischer Kulisse, statt sich sklavisch an einen konkreten Ablauf zu halten. Und ich muss sagen: Diese Freiheit hat richtig gutgetan. Das Schreiben hat Spaß gemacht – und wenn jetzt auch noch positives Feedback zurückkommt, weiß ich: Ich bin auf einem guten Weg.

Buchbesprechung: James

von Silke

Ein moderner Klassiker über Würde und Widerstand

Rezension: James von Percival Everett
Erschienen 2024 im Carl Hanser Verlag (deutsche Ausgabe)
Originaltitel: James, 2024, Doubleday (USA)
Pulitzer-Preis 2024 (Fiction)

Eine meiner Taktiken bei der Wahl meiner nächsten Lektüre ist recht simpel: Ich schaue, welche Bücher auf Amazon fünfstellige Bewertungen mit hohen Durchschnittswerten haben. Meistens sind das Titel amerikanischer Autor:innen – was mich nicht stört. Wenn Genre und Thema mich ansprechen und vielleicht noch ein Siegel wie „New York Times Bestseller“ oder „Pulitzer Prize Winner“ dazukommt, greife ich gerne zu.

So auch beim Roman James von Percival Everett, der 2024 mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet wurde.

Man sollte bedenken: Bücher, die in den USA große Preise gewinnen, greifen oft Themen auf, die speziell für das amerikanische Publikum besonders relevant sind. Trotzdem sind sie meist äußerst gut lesbar (kleiner Seitenblick auf den Deutschen Buchpreis…). So auch James, ein Roman über einen Sklaven in den Südstaaten – und zugleich eine literarische Antwort auf Mark Twains Huckleberry Finn.

Ich selbst bin mit der Geschichte rund um Tom Sawyer und Huck Finn nicht besonders vertraut – was beim Lesen aber kein Nachteil war. Im Mittelpunkt steht hier Jim, der Sklave, der in Twains Originalgeschichte eher eine Nebenfigur ist. In Everetts Roman bekommt er endlich seine Stimme – und was für eine!

Jim soll von seiner Plantage in Missouri nach New Orleans verkauft werden, weg von seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Das will er nicht hinnehmen – und flieht. Unterwegs trifft er auf Huckleberry Finn, und gemeinsam schlagen sie sich den Mississippi hinunter durch eine feindselige, zutiefst rassistische Welt. Dass es ausgerechnet nach Süden geht, wirkt auf den ersten Blick kontraintuitiv – macht aber im Kontext des Romans Sinn.

Was die Geschichte besonders macht: Jim ist klug. Viel klüger, als es die Weißen in seiner Umgebung vermuten. Das zeigt sich besonders dann, wenn er unter Schwarzen spricht – denn dann wechselt er vom „rassentypischen“ Soziolekt, wie er ihn in Gegenwart der Weißen verwendet, zu einem klaren, differenzierten Englisch. Ein sprachlicher Kniff, mit dem Everett brillant zeigt: Die Schwarzen dieser Welt sind oft intelligenter als ihre Herren – und müssen diese Tatsache verstecken, um zu überleben.

Als Leserin war ich sofort auf Jims Seite – und habe mich diebisch gefreut über seine stille Überlegenheit. Auch vor Huck verbirgt Jim sein wahres Ich. Die beiden freunden sich an, helfen einander – bis sie sich schließlich verlieren und Jim allein weiterziehen muss.

Wird er es schaffen, in den Norden zu gelangen, wo Freiheit winkt? Wird er genug Geld auftreiben können, um seine Familie freizukaufen? Während er kämpft, kündigt sich bereits der nächste Umbruch an: Der Bürgerkrieg liegt in der Luft.

Ja, das alles klingt wie eine klassische Heldenreise – und ist doch so viel mehr. James konfrontiert uns mit einer Welt, in der Menschenhandel, Gewalt und systematische Unterdrückung zum Alltag gehörten. Und das Erschütternde ist: Für die damalige Gesellschaft war das völlig normal.

Diese Normalität ist schwer auszuhalten – gerade deshalb bleibt der Roman so lange im Gedächtnis. Denn Jim ist nicht einfach nur Jim. Er ist James. Und das macht den Unterschied.

Fazit:
Ein kluger, bewegender, teilweise sogar überraschend humorvoller Roman über Identität, Würde und Überleben. Für mich eine ganz klare Leseempfehlung!

📖 P.S.: Ich habe das Buch im englischen Original gelesen. Die wörtliche Rede ist anfangs schwer verständlich, weil Everett mit Dialekten arbeitet – aber man kommt gut rein. Ich bin gespannt, wie das in der deutschen Übersetzung gelöst wurde.

📚 P.P.S.: Ich bekomme weder Geld noch Leseexemplare für diese Besprechung – ich teile hier einfach meine ehrliche Meinung.

An vieles aus meinem Literaturstudium erinnere ich mich nicht mehr. Aber ein Pro-Seminar ist mir – zumindest in Details – im Gedächtnis geblieben: Es drehte sich um den Literaturbetrieb. Besonders spannend war es, weil wir über das Semester hinweg zwei Besucherinnen begrüßen durften, die uns Einblicke in die Branche gaben.

Die Pressefrau mit der Klebeschere

Die eine arbeitete in der Presseabteilung eines Verlags. Ich weiß noch genau, wie sie erzählte, dass es zu ihren Aufgaben gehörte, Zeitungsausschnitte in eine große Mappe zu kleben. „Dafür ein Studium?“, dachte ich – mit einer Mischung aus Faszination und Frustration.
Die Frau war damals sichtbar schwanger, und gerade wir Studentinnen lauschten ihr ehrfürchtig (und vielleicht auch ein wenig neidisch), während wir uns überlegten, wie man selbst so eine beneidenswerte Karriere „launchen“ konnte.

Aber ich schweife ab.

Die Literaturagentin – damals noch Exotin

Die zweite Besucherin war eine Literaturagentin. Anfang der 2000er-Jahre war das in Deutschland noch eine recht neue Erscheinung – natürlich herübergeschwappt aus den USA.
Sie tat einiges, um uns zu überzeugen, dass Literaturagenturen ein essentielles Rädchen im Betrieb der Literaturherstellung sind. Heute wissen wir: Sie hatte recht.

Auch wenn die Webseiten großer Publikumsverlage es manchmal anders suggerieren – wer als Autor:in bei einem großen Verlag unterkommen will, muss fast immer den Weg über eine Agentur gehen.

Das hat für beide Seiten Vorteile:

  • Verlage ersparen sich das Durchforsten unzähliger unbrauchbarer Manuskripte.
  • Autor:innen gewinnen einen Partner, der das Manuskript ins rechte Licht rückt, Verträge aushandelt und wertvolle Kontakte hat.

Natürlich verdient die Agentur mit, sobald ein Vertrag zustande kommt – es ist also auch in ihrem Interesse, ein Projekt gut zu platzieren.

Der steinige Weg zur Agentur

Trotzdem ist es für uns Autor:innen nicht unbedingt einfacher geworden.
Ich schreibe diesen Text, während ich selbst mal wieder auf der beschwerlichen Reise der Agentursuche bin.

Die Bewerbung bei einer Literaturagentur unterscheidet sich nicht wesentlich von der bei einem Verlag. In der Regel soll man folgende Unterlagen einreichen:

  • ein kurzes Anschreiben,
  • ein Manuskriptauszug,
  • eine Biografie,
  • ein Exposé.

Das Manuskript: Die ersten Seiten müssen sitzen

Beim Auszug sollte man einen Abschnitt wählen, der Stil und Inhalt des Buchs möglichst gut wiedergibt – oft sind das 30 bis 50 Seiten, bevorzugt der Anfang des Romans.

Denn: Ein Buch muss auf der ersten Seite funktionieren.
Wer denkt, dass das bei seinem Projekt anders ist, sollte das Konzept vielleicht nochmal überdenken.
Man „verkauft“ das Manuskript zuerst an die Agentur, dann an einen Lektor, einen Buchhandelsvertreter, einen Buchhändler – und am Ende an den Leser.
Fast alle werden nur die ersten Seiten lesen und dann entscheiden. Diese Seiten müssen also überzeugen.

Die Biografie: kurz, aber tricky

Die Biografie wirkt harmlos, ist aber oft knifflig – besonders für Debütant:innen.
Was soll man reinschreiben?
Mein Tipp: Werfen Sie einen Blick in andere Bücher.
Man muss kein Profi sein, um einen kurzen, überzeugenden Text von 4–5 Sätzen zu schreiben.
Wichtig ist nur: Wofür stehe ich? Was trage ich bei, damit das Buch sich verkauft?

Das Exposé: das ungeliebte Herzstück

Und dann kommt der Teil, den die meisten Autor:innen mit einer gewissen Leidenschaft hassen: das Exposé.
2–3 Seiten, die das Buchprojekt mit allen wichtigen Fakten zusammenfassen – inklusive:

  • Angaben zum Autor / zur Autorin
  • Umfang, Genre, Zielgruppe
  • eine kurze, aber vollständige Zusammenfassung der Geschichte

Letzteres ist die größte Herausforderung:
Ein 300-Seiten-Roman auf einer Seite?
Ein Albtraum – besonders, wenn man monatelang tief in die Geschichte eingetaucht ist.

Der häufigste Fehler: Die Geschichte Szene für Szene nacherzählen.
Das ist nicht Sinn der Sache.
Stattdessen sollte man erklären:

  • Wie baut sich der Spannungsbogen auf?
  • Wie agieren die Figuren?
  • Was steht ihnen im Weg?
  • Wie kommt es zur Konfrontation – und wie endet alles?

Das ist eine eigene Kunstform, die man lernen muss.

Mein Stand der Dinge

Genau an diesem Punkt befinde ich mich gerade.
Ich denke, mein Exposé ist schon ganz gut – aber ich werde es noch vielen Kolleg:innen zum Gegenlesen geben, um Lücken oder Unstimmigkeiten auszumerzen.

Und dann geht der große Spaß los: Die Agentursuche.
Drückt mir die Daumen!

P.S.: Das Beitragsbild zeigt übrigens einen Schauplatz aus dem Manuskript!

Dynastien, Machtspiele und ein rätselhafter Pilger – die wahren Hintergründe meines Romans

Wie wird man König, wenn es keine Erbfolge gibt? Warum misstrauten sich die mächtigsten Familien des Reiches trotz Heiratsverbindungen? Und was hat ein geheimnisvoller Pilger mit all dem zu tun?

Wer Der Trug des Pilgers gelesen hat, weiß: Im Hintergrund des historischen Romans tobt ein erbitterter Kampf um Macht, Einfluss – und die Königskrone. Doch was ist historisch belegt, was Fiktion? In diesem Blogbeitrag nehme ich euch mit in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, in eine Zeit, in der Stammbäume gefährlicher waren als Schwerter – und dynastische Verwicklungen den Lauf der Geschichte bestimmten.

Drei große Familien, ein Ziel: die Krone

Im Zentrum der damaligen Politik standen drei rivalisierende Dynastien: die Wittelsbacher, die Habsburger und die Luxemburger. Sie alle wollten den Thron, doch dieser wurde nicht vererbt, sondern gewählt. Sieben Kurfürsten entschieden über das nächste Oberhaupt des Reiches – ein Machtinstrument, das durch Bestechung, Heiratspolitik und strategische Allianzen heiß umkämpft war.

Karl IV. – ein König mit französischem Schliff

Karl IV. aus dem Haus Luxemburg ist eine der zentralen Figuren meines Romans. Als Sohn des Königs von Böhmen am französischen Hof aufgewachsen, verband er kluge Politik mit kulturellem Gespür. 1346 wurde er zum römisch-deutschen König gekrönt – obwohl sein Rivale Ludwig IV. noch lebte. Was folgte, war ein spektakulärer Thronstreit, den nicht ein Schwert, sondern ein Jagdunfall entschied.

Karl IV., Büste gefertigt von Peter Parler im Prager Veitsdom. Von Packare - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33061244
Karl IV., Büste gefertigt von Peter Parler im Prager Veitsdom. Von Packare – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33061244

Ludwig der Bayer – ein Kaiser gegen den Papst

Ludwig IV. der Bayer, aus dem Haus Wittelsbach, regierte das Reich mit harter Hand – und im ständigen Clinch mit dem Papst. Seine Exkommunikation war politisches Programm, ebenso wie seine Versuche, Macht durch territoriale Verbindungen (etwa über die Heiratspolitik seines Sohnes Ludwig des Älteren) zu sichern.

Kaiser Ludwig der Bayer, spätgotisches Epitaph aus rotem Marmor in der Münchner Frauenkirche CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=604248
Kaiser Ludwig der Bayer, spätgotisches Epitaph aus rotem Marmor in der Münchner Frauenkirche CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=604248

Die Rolle der Askanier – Macht zwischen den Zeilen

Und dann ist da noch das Haus Askanien, mit dem viele heute kaum noch etwas verbinden. Doch gerade in Brandenburg und Sachsen spielten die Askanier eine zentrale Rolle. Rudolf I., ein enger Vertrauter Karls IV., war Mitverfasser der Goldenen Bulle – des Reichsgesetzes, das die Königswahl langfristig regelte. Sein politischer Aufstieg – und Fall – steht exemplarisch für die Fragilität von Macht im Mittelalter.

Bildnis Rudolf III. nach Johann Agricola 1562. Von Johann Agricola († 1590) - Johann Agricola: Bildnisse etlicher Fürsten und Herren ... Wittenberg 1562, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25460990
Bildnis Rudolf III. nach Johann Agricola 1562. Von Johann Agricola († 1590) – Johann Agricola: Bildnisse etlicher Fürsten und Herren … Wittenberg 1562, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25460990

Frauen, Intrigen und Vorurteile

Nicht fehlen darf Margarete „Maultasch“ von Tirol – eine schillernde Figur, die sich in einer von Männern dominierten Welt behauptete. Ihr Beiname ist bis heute umstritten, doch ihr politischer Einfluss war unbestreitbar. In meinem Roman begegnen wir ihr nicht direkt, aber ihr Schatten liegt über vielen Entscheidungen, die im Hintergrund getroffen werden.

Margarete von Tirol-Görz (genannt: Maultasch) (1318-1369), Gräfin von Tirol und Görz, ANKAWÜ, CC BY-SA 3.0 , https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maultasch,_Margarete.jpg, via Wikimedia Commons
Margarete von Tirol-Görz (genannt: Maultasch) (1318-1369), Gräfin von Tirol und Görz, ANKAWÜ, CC BY-SA 3.0 , https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maultasch,_Margarete.jpg, via Wikimedia Commons

All diese Figuren – ob König, Herzog oder Gräfin – haben Eingang in die Welt von Der Trug des Pilgers gefunden. Ihre Konflikte, Allianzen und Rivalitäten weben den historischen Teppich, auf dem meine fiktiven Figuren agieren. Der Pilger im Titel? Der weiß mehr, als er sagt.

Was hat euch am meisten überrascht? Gibt es historische Persönlichkeiten, die ihr gern in einem Roman wiedersehen würdet? Ich freue mich über eure Kommentare!

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