Wenn einer eine Reise tut …

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… dann kann er was erzählen! Zum Beispiel von total verregneten Tagen, an denen das Wasser der Flüsse so dermaßen anschwellt, dass aus einer Flusskreuzfahrt auf der Saône und Rhone zu 90% eine Aneinanderreihung von endlos langen und unbequemen Busfahrten wird. Anstatt also hinter der Panoramascheibe der Kabine die verträumten Flusslandschaften der Camargue an uns vorbeiziehen zu lassen, mussten wir mehrmals um 6.30 Uhr aufstehen, um per Bus wenigstens einen Teil der Sehenswürdigkeiten zu erhaschen. Aber so kann’s gehen; am Ende sitzt die Natur immer noch am längeren Hebel.

Ich weiß nicht, ob es an diesem sprichwörtlich ins Wasser gefallenen Urlaub lag oder an weiterem Feedback, das mich in jener Zeit erreichte, aber dieser Urlaub bewirkte in mir das Gegenteil dessen, was ich normalerweise mit Urlauben bezwecke: Ich bin kreativ völlig ausgepowert. Immer wieder bin ich in mich gegangen, um zu ergründen, warum ich eigentlich schreibe und was mir daran Spaß macht. Ich muss sagen, ich kam zu keinem besonders guten Ergebnis.

Warum schreibt man? Viele tun es für den kreativen Prozess. Andere wünschen, ein Publikum zu unterhalten. Und der ein oder andere möchte damit sogar Geld verdienen. Bei mir ist es aber noch ein anderer Punkt: Ich möchte Anerkennung für das, was ich tue. Es gibt nicht viel im Leben, das ich „kann“, aber Schreiben, so dachte ich immer, das kann ich ganz gut.

Bekomme ich dafür Anerkennung? Ja, schon. Aber ich muss gestehen, es reicht mir nicht, wenn es sich anfühlt wie Mittelmaß. Eins meiner Bücher stand auf einer Shortlist für einen Preis, aber hat nicht gewonnen – obwohl an jenem Abend jedes zweite nominierte Buch gewann. Die Aufregung nach den ersten zwei Veröffentlichungen im Freundes- und Verwandtenkreis ist wieder abgeflaut, keiner scheint mehr Notiz zu nehmen von dem, was ich tue. Versprochene Rezensionen zum Beispiel bleiben aus, obwohl mich das sehr gefreut hätte, die Begeisterung auch im Internet zu lesen statt nur auf meinem privaten Whats-App-Kanal.

Doch was mich am meisten wurmt, ist der relativ schlechte Durchschnitt bei Amazon. Da stehen sie, die Vieren: 4,0 von 5,0 Sternen für beide Selfpublisher-Bücher, und selbst das Verlagsbuch ist mittlerweile von 4,2 auf 4,1 runtergerutscht. Ich weiß, jetzt werden viele sagen: Warum regst du dich auf? 4,0 ist doch toll! Aber die Sache ist die: Wenn ich diese Bewertung mit der anderer Bücher in meiner Nische vergleiche, stehen meine Bücher tatsächlich am schlechtesten dar. Klar, wir reden hier von minimalen Abweichungen im Gesamtbild, aber ich schwöre, jeden Morgen öffne ich mit Herzklopfen meine Amazon-App und bete, dass die Bewertung nicht noch tiefer rutscht. Denn das kann sie durchaus. Nur wieso eigentlich?

Hier ist der Knackpunkt: Ich verstehe nicht, was ich so falsch mache, dass die Leser nach der Beendigung der Lektüre nicht voll und ganz zufrieden sind. Warum ist es immer wieder doch eher eine 4 als eine 5? Warum erhalten meine „Konkurrenten“ (ich sehe sie nicht als solche, aber ihr versteht schon) bessere Bewertungen? Was machen sie richtiger? Selbst mit Text hinterlassene Bewertungen lassen nicht erahnen, woran es jetzt eigentlich gehakt hat. Wenn bei anderen Büchern die Bewertungen nach unten gehen, dann hat das oftmals sehr konkrete Gründe: Nicht spannend, etliche Rechtschreibfehler, langweilige Figuren – die Kritiker sind da sehr eindeutig. Bei meinen Büchern? Fehlanzeige. Ich würde es so gern verstehen.

Leider hat all das gerade enormen Einfluss auf mein kreatives Schaffen. Ich hänge bei ca. 75% in einem neuen Manuskript fest und spüre: Es reicht nicht. Wenn es mir beim Schreiben schon keinen Spaß macht, wie kann ich da erwarten, dass es den Lesern Spaß machen wird? Ich stelle alles in Frage, was ich tue, jede Formulierung, jede Entscheidung meiner Charaktere, ja, die Charaktere selbst. Meine Selbstsicherheit, was das Erfinden und Erschaffen von Geschichten angeht, ist tatsächlich bis ins Mark erschüttert. Ich weiß nicht mehr, wo hinten und wo vorn.

Deshalb werde ich das Manuskript jetzt erstmal ein paar Tage oder Wochen beiseitelegen und mich auf die Veröffentlichung des neuen Buches konzentrieren. Leider befürchte ich auch hier wieder, dass es nicht ausreichen wird, um über 4,0 Sterne bei Amazon hinaus zu gelangen. Vielleicht ist es nicht romantisch genug, oder politisch, oder die Charaktere nicht liebenswert oder die Geschichte hat Längen, wer weiß, wer weiß.

Ist mir klar, dass man nicht jeden Geschmack treffen kann und dass es dort draußen auch LeserInnen gibt, die völlig begeistert sind (und ich von euch, by the way!), aber ich will möglichst viele Geschmäcker treffen. Meine Geschichten sollen populär geschrieben sein, nicht für den erlesenen Geschmack. Ich hatte erwartet, dass sich im Laufe der Zeit eine Art Zielgruppe herauskristallisiert, die auch zu anderen Büchern aus meiner Feder greifen und insgesamt den Wert heben würde, aber irgendwie trifft es eben nicht so ein. Meine Bücher werden immer noch im Durchschnitt schlechter bewertet als die meiner Mitstreiter, dabei habe ich alles gegeben, was ich geben kann.

Gestern wurde ich als „kleine Grüblerin“ bezeichnet. Ja, das bin ich wohl. Ich denke, man sollte immer mal wieder sich hinsetzen und einen Kassensturz machen. Was klappt gut, was lässt sich verbessern? Bis ich die Antwort auf diese Frage habe, trete ich für einen Moment zurück und erhole mich von meinem Urlaub.

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