Leserbriefe

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Es ist 8.00 Uhr morgens an einem Sonntag. Ich schlummere friedlich vor mich hin, da lässt mich das Telefon auf dem Nachttisch wissen, dass es aus dem nächtlichen Schlaf erwacht ist (dazu muss ich sagen, dass sich mein Handy um 22.00 Uhr automatisch auf stumm stellt). Mein Kopf fährt hoch, für einen Moment weiß ich nicht, wer ich bin und wo. Der Blick gleitet zum Handy, das mit einer Nachricht aufleuchtet. Sofort galoppiert mein Herz los. Es könnte wichtig sein. Ja, ohne Scheiß, das könnte es. Gerade meine Verwandten haben die Tendenz dazu, in der Nacht zu versterben. Also strecke ich den Arm aus, um die Nachricht zu lesen.

Man muss dazu wissen, dass ich mittlerweile ohne Lesebrille fast blind bin. Wie ein Maulwurf blinzele ich also auf die verschwommenen Buchstaben und versuche, aus den Schnörkeleien einen Sinn zu erpuzzeln. Das Problem an der Sache ist, dass allein diese Anstrengung dafür sorgt, dass ich nun komplett wach bin und Schlaf für den Rest des Tages vergessen kann.

Nun gut, also eine Nachricht. Das Gute: Niemand ist tot, schwerkrank oder verletzt. Das Schlechte: Es ist eine Leserrückmeldung.

Jetzt muss ich dazu sagen, ich freue mich, wenn Leser sich so intensiv mit meinen Büchern beschäftigen, dass sie hinterher erstmal Dampf ablassen müssen. Es zeigt mir, dass die Geschichte und die Figuren auch über die letzte Seite hinaus für einen Moment in ihnen weiterleben. Als Autorin kann ich mir nichts besseres für mein Werk wünschen. Doch hier ist das Problem: Warum ich? Warum greifen LeserInnen anschließend zu einem Medium ihrer Wahl und erzählen mir, der Autorin, von ihren Erlebnissen? Ich bin mir sicher, sie tun es mit den besten Absichten. Auch wenn ich immer wieder erstaunt darüber bin, dass fast jeder es schafft, mich zuerst mit Lob zu überschütten und dann mit einem „Hauch“ von Kritik abzuschließen, was dann das Vorhergesagte in meinem Autorinnengehirn quasi negiert. Ihr müsst verstehen, ich bin zu einem großen Teil anglophon sozialisiert worden. Da herrscht die so genannte Sandwichtechnik: Man lobt, dann kritisiert man, dann lobt man. Heraus kommt ein fuzzy feeling, sodass der Empfänger dann mit der geschickt verpackten Kritik besser umgehen kann. Doch hier in Deutschland klingt es eher so: „Geile Geschichte, da ignoriere ich mal die das/dass-Fehler. Danke, tschüss.“

Und hier also gleich das zweite Problem. Wie soll ich als Autorin auf diese Art der Kommunikation reagieren? Ich versuche, es meist mit Grazie und Würde zu tun, aber das ist nicht immer leicht. Klar, ein Lob geht runter wie Honig, keine Frage. Aber nicht alles ist Lob. Oft wird auch bemängelt und bekrittelt. Nicht immer finde ich die Einschätzung der LeserInnen richtig oder fair. Aber das tut nichts zur Sache. Ich kann unmöglich mit der Leserin oder dem Leser in einen Dialog treten und ihm meine Sicht der Dinge erklären. Was an deren oder dessen Ende beim Lesen dabei herumgekommen ist, steht felsenfest im Raum. Der Text ist geschrieben und publiziert. Wenn er sich missverständlich ausdrückt, den Geschmack der Leserin oder des Lesers nicht trifft, vermeintlich logische Fehler beinhaltet – es ist nicht mehr zu ändern oder von meiner Seite aus zu verteidigen. Warum also mir sagen? Alles, was diese Kommentare, die direkt an mich gerichtet sind, anrichten, ist Schmerz und Verwirrung. Ja, ich sage es klar heraus. Ich kann mit Leserfeedback nach einer Veröffentlichung nicht umgehen und empfinde sie als störend für mein weiteres Schaffen.

Was also tun? Jedes Mal, wenn ich auf ein solches an mich gerichtetes Feedback reagiere, weise ich darauf hin, wie sinnvoll es wäre, diese Kommentare so zu teilen, dass andere potentielle Leserinnen und Leser das vor dem Kauf lesen können. Warum? Damit sie eine intelligentere Kaufentscheidung treffen können! Jeder mag sich gern informieren, was er da kauft, sodass es nicht die sprichwörtliche Katze im Sack ist. Wer also sich ohnehin die Mühe macht und seine Eindrücke festhält, kann das doch sicherlich auch auf den einschlägigen Webseiten tun wie Amazon, Thalia oder LovelyBooks. Oft höre ich dann zurück, dass das in Kürze geschehen würde, kein Problem. Und was passiert dann? Eben, ihr habt es erraten. Nichts.

Ich kann kaum ausdrücken, wie frustrierend das für mich ist. Ich würde mich wahnsinnig gern mit meinen LeserInnen über meine Bücher unterhalten, aber alles, was ich als Autorin der Kritik entgegenbringen würde, würde so aussehen, wie der jämmerliche Versuch, meine Kunst zu verteidigen. Und es würde auch nichts bringen, denn nur weil eine Person etwas bemängelt, heißt das nicht, dass es Einfluss hat auf mein weiteres Schaffen. Wir sind ja nicht in der Schule, wo das Feedback des Lehrers mich zu höheren Leistungen anstachelt und meine zukünftigen Fehler ausmerzt.

Ich will absolut nicht undankbar erscheinen. Das meiste, was zurückkommt, ist ohnehin Lob. Vielleicht nicht immer geschickt verpackt, aber ich verstehe die gute Intention dahinter. Leider ist es aber so, dass es nicht immer so ankommt, wie beabsichtigt. Deshalb: Anstatt mir zu schreiben, schreibt es doch bitte, bitte, bitte ins Internet. Ich kann jede Rezension sehr gut gebrauchen. Ignoriert es, wenn da bereits eine vierstellige Zahl an Sternen steht, und verabschiedet euch von dem Glauben, dass euer Kommentar nicht mehr zählt. Frische Stimmen zählen immer, auf allen Bewertungsplattformen! Ja, und auch Kritik ist wichtig. Wenn jemand sagt, das Buch sei langweilig, weil es so viele unnötige Details hat, sind die überhaupt historisch oder hat die Autorin sich das ausgedacht (die Antwort ist: Ja, sie sind historisch und wichtig, weil, wie du, liebe Leserin leider nicht bemerkt hast, der Roman die Biografie einer echten Person ist), dann ist das tausendmal besser als ein paar anonyme Sterne. Sterne ohne Text sind wertlos.

Darum: Seid einfach ehrlich, ich kann es verkraften. Aber bitte, sagt es nicht mir, sondern der Welt. Danke!

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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