Ich hatte letztens eine überraschende Unterhaltung mit einer begeisterten Leserin historischer Romane. Als ich sie darauf hinwies, dass die Bücher, die sie im Internet bejubelte, höchstwahrscheinlich zu 100% aus der Feder einer KI stammen, reagierte sie zunächst mit Entsetzen, dann mit Unglauben.
Ich habe, so meine ich, stichhaltig aufgeführt, warum sich dieser Verdacht bei mir erhärtet hat, doch nach einiger Überlegung wollte sie nichts davon wissen. Es war ihr offenbar egal, dass das Autorenbild mit KI erstellt worden war (das Wasserzeichen von Gemini ist noch sichtbar), die Cover, die Begleittexte auf der Amazon-Seite, der Klappentext, die Social-Media-Posts – ja eben auch der Text selbst. Der gesamte Roman, von hinten bis vorne. Nicht nur das, sie stand während der Entstehung des „Romans“ sogar mit dem angeblichen Autor im regen Austausch und wird im Nachwort lobend erwähnt. Es folgte ein kurzes Zögern ihrerseits nach meiner Nachricht, aber dann hat sie dennoch ihre Rezension geschrieben, weil sie so begeistert war von den „ausdrucksstarken und bildhaften Schilderungen der Ereignisse“. Sie berichtete sogar von „Gänsehaut“ und schloss mit einer „klaren Leseempfehlung“.
Ich kann nicht adäquat ausdrücken, wie frustrierend das für mich als Autorin ist. KI ist schon länger ein Thema in der Branche, und natürlich habe auch ich mich im Hintergrund mit den Möglichkeiten und Grenzen dieses neuen Werkzeugs beschäftigt. Denn das ist die KI, ein Werkzeug. Was sie aber nicht sein darf, ist das gesamte Fahrzeug. Es entmenschlicht nicht nur den Text, sondern gleich eine ganze Kunstform. Hier geht es nicht nur darum, dass jemand mit billigen Mitteln ein Kunstprodukt hervorbringt, das aufgrund mangelnder Qualität den Namen nicht verdient hat, sondern auch darum, dass es alle anderen Kunstschaffenden massiv beeinträchtigt.
Wer in letzter Zeit einen Blick auf Amazon geworfen hat, wird verstehen, was ich meine. Amazon unterscheidet nicht zwischen KI-generierter „Kunst“ und der Kunst, die tatsächlich in den Köpfen von Menschen entstanden ist. Ihnen geht es einzig darum, Geld zu machen. Und das auf Kosten all derjenigen, die jahrelang an ihrer Arbeit feilen, die sich weiterbilden, lesen, austauschen, Ideen ausprobieren und wieder verwerfen, die monate- wenn nicht gar jahrelang an einem Projekt arbeiten und es zu einem Diamanten schleifen.
Stattdessen wird das Angebot gerade mit einer Schwemme von KI-generierten Werken geflutet. Eine Schwemme, in der die weitaus langsamer reifenden Werke echter Autoren überrollt und erstickt werden. Wenn ein KI-Autor am laufenden Band alle zwei Monate ein „Werk“ auf den Markt wirft, wird es schwierig, noch die eigenen Cover irgendwo sichtbar zu machen, bzw. die Aufmerksamkeit der Lesenden an sich zu binden, deren Lesezeit nun einmal begrenzt ist.
Doch wenn die KI in diesen Büchern so offensichtlich ist, warum habe ich es dann nicht geschafft, diese sehr gewiefte und erfahrene Leserin davon zu überzeugen, dass hier mitnichten Kunst vorliegt, sondern nur eitle Geschäftemacherei? Das Problem liegt darin, dass ich zwar eine sehr stichhaltige Vermutung habe, sie aber nicht beweisen kann. KI-generierte Texte weisen eine Reihe von typischen Merkmalen auf, die in ihrer Summe den Text als KI-generiert verraten (in diesem Fall sind es natürlich noch die Begleiterscheinungen wie Cover, Autorenfoto und Werbetexte, die hellhörig machen). Wolfgang Tischer hat bei Literaturcafe.de einige dieser Merkmale herausgearbeitet. Jedes einzelne für sich allein ist noch kein Beweis für eine KI, doch die Summe, ja vor allem die überzogene, hirnlose und inflationäre Verwendung dieser Stilmittel macht es für das geübte Auge mehr als offensichtlich. Natürlich hat der ein oder andere auch schon einmal von KI-Detektoren gehört, doch auch die sind nur begrenzt nützlich und liegen in ihrer Einschätzung viel zu oft daneben. Und eigentlich ist ja auch das egal. Schließlich hatte das Autorenfoto ein KI-Wasserzeichen, was von der Leserin dahingehend „wegerklärt“ wurde, dass der Autor offenbar nur die KI verwendet hat, um ein real existierendes Autorenfoto aufzuhübschen. Diese sture Ignoranz der Tatsachen hat mich tatsächlich sprachlos gemacht.
Die Entwicklung ist für mich als Autorin unglaublich frustrierend. KI macht gerade alles kaputt, was sich Selfpublisher in den letzten 10-20 Jahren mühevoll als Gemeinschaft und als Individuen aufgebaut haben. Literatur ist eben mehr als nur Handwerk, es ist eine Kunstform, und nicht jeder beherrscht diese Kunst. Aber jeder, der sich ein wenig mit KI auseinandersetzt, meint, jetzt Literatur erschaffen zu können. Und das Schlimme daran: Den Lesern scheint es egal zu sein! Wie viele Stunden, Tage, ja Wochen habe ich schon an Formulierungen und Szenen gearbeitet. Die KI spuckt so etwas mehr oder weniger geschickt innerhalb weniger Sekunden aus. Wo bleibt da noch die Anerkennung für die Autoren, also die Menschen, die hinter den Werken stehen?
Was also sollen Leserinnen und Leser tun? Wie gesagt, es ist für den Laien eher schwierig, KI-generierte Texte als solche zu erkennen und zu vermeiden. Dennoch rate ich dazu, besonders bei Amazon bei neuen und unbekannten Autorinnen und Autoren ein gewisses Misstrauen an den Tag zu legen. KI-generierte Texte nehmen echten Autorinnen und Autoren gerade die Luft zum Atmen. Sie machen das Schreiben weitaus unwirtschaftlicher, sie erschüttern uns Autorinnen und Autoren ins Mark und lassen uns daran zweifeln, ob es sich überhaupt noch lohnt, ein Buch von vorn bis hinten zu konzipieren, zu schreiben und zu vermarkten. Daher: Schaut in die Impressen, sucht den echten Austausch auf Messen, unterstützt Autorinnen, deren Weg ihr über Jahre verfolgen könnt, und schenkt eure Aufmerksamkeit denen, die spürbar Herzblut statt Prompts investieren.
Natürlich schmerzt es mich auch zu sehen, wie perfide Leserinnen und Leser nun getäuscht werden. Da wird ihnen eine menschliche Nähe vorgegaukelt, die so nicht besteht. Texte werden rezensiert und empfohlen, die im Grunde genommen nur KI-Slop sind und die Bytes nicht wert sind, mit denen sie erzeugt werden. Es untergräbt somit auch die Glaubhaftigkeit und Integrität von Rezensentinnen und Rezensenten, die so einem Betrug hilflos ausgeliefert sind.
Die KI-Debatte wird in den Sozialen Medien hitzig behandelt, und ich halte mich aus solchen Gesprächen normalerweise raus. Hier geht es ja nicht nur darum, dass der Markt überschwemmt wird mit maschinenerzeugten Texten, es geht ja auch darum, woher diese Texte eigentlich stammen: nämlich aus der Feder echter Autorinnen und Autoren, die für ihren Beitrag zur Sache weder gefragt noch entlohnt werden. So oder so, hier muss ich einfach mal sagen, dass mich die derzeitige Entwicklung ungemein enttäuscht, und dass sie mich zweifeln lässt, ob ich überhaupt noch ein Buch im Selfpublishing herausbringen soll.
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