Wer mir auf Instagram folgt, wird vielleicht bemerkt haben, dass mir letzte Woche ein wenig das Blut in den Adern gekocht hat – und zwar auf nicht gerade rühmliche Art und Weise. Es geht um einen Klassiker, um Emily Brontës einzigen Roman „Sturmhöhe“ (im Original: Wuthering Heights).
Mit Freude und Enthusiasmus stieß ich vor zwei, drei Wochen auf die ersten Werbeanzeigen und Teaser zu Emerald Fennells neuester Filmadaption des Gothic-Klassikers Wuthering Heights. Ich war bis dato fest davon ausgegangen, dass ich das Buch schon vor Urzeiten gelesen hatte, aber ich hatte nur vage Erinnerungen an den Plot. Also habe ich es mir auf den Reader geladen und losgelegt. Ich hatte richtig Bock auf den Doppelpack: Erst das Original lesen, dann die visuelle Umsetzung auf der Leinwand genießen.
Wie sich herausstellte, hatte ich Sturmhöhe noch gar nicht gelesen. Ich kenne diverse Jane Austens, habe mein Herz an Jane Eyre verloren und generell eine Menge Gothic Novels als Teil meiner Abschlussarbeit an der Uni gelesen. Sturmhöhe war mir irgendwie entgangen. Aber umso schöner, dachte ich. Ein ganz neues Erlebnis.
Es war schwer, aber ich habe mich strikt daran gehalten, mich nicht zu früh von den Kinofilmbildern beeinflussen zu lassen. Vor meinem geistigen Auge entstanden die tollsten Welten. Der dunkle Heathcliff mit dem brütenden Gesichtsausdruck, die wilde Catherine im windgepeitschtem Kleid, die unendlichen Weiten der eiskalten Yorkshire-Moore. Ich war gefesselt. Ja, um die Frage vorweg zu nehmen: Sturmhöhe liest sich wie ein Klassiker. Er ist nicht einfach so runterzuschlingen. Man muss ein wenig Geduld mitbringen. Aber die vielen Schockspitzen, die einen erwarten, machen das alles wieder wett.
Kurz gesagt geht es bei Sturmhöhe um das seltsamste Paar der Literaturgeschichte. Heathcliff wird als kleiner Junge von einem Mann auf der Straße aufgelesen und nach Hause gebracht, wo er ihn wie ein eigenes Kind aufwachsen lässt. Aber Heathcliff ist nicht sein eigenes Kind: Das sieht jeder sofort, denn Heathcliff ist optisch anders. Seine Haut ist dunkel – ist er ein „Zigeuner“? Woher kommt dieses seltsame Kind? Ablehnung schlägt ihm entgegen, regelrechter Hass, besonders von seinem eifersüchtigen Ziehbruder Hindley. Seine einzige Verbündete ist seine Ziehschwester Catherine, selbst ein rebellisches, ungezogenes und ungehobeltes Kind, das sich nicht so ganz in die Rollenerwartungen ihrer Zeit einfügen will. Ihre Bindung ist stark wie Eisen, und vielleicht ist da noch mehr, aber das alles wird nur angedeutet. Doch dann trifft Catherine schwerwiegende, recht egoistische Entscheidungen und verletzt Heathcliff damit so sehr, dass er für Jahre verschwindet. Als er zurückkommt, nimmt die Tragik ihren Lauf.
Als ich bei 70% angekommen war, habe ich mir erlaubt, einen Blick zu riskieren. Und ich war entsetzt. DAS sollte meine Sturmhöhe sein? Die Kleider aus Plastik. Heathcliff so blass und bleich wie die anderen. Die Häuser viel zu groß und prachtvoll. Die Beziehung der beiden – nun ja. Mir drehte sich tatsächlich der Magen um. Verwirrt starrte ich auf den Bildschirm und hätte heulen können. So eine schöne Gelegenheit, die Welten vergangener Zeiten, die strengen moralischen Vorstellen, die inhärenten Konflikte, all die Emotionen, die Untertöne und nie gesagten Worte auf die Leinwand zu bringen – und das ist es, was dabei herumgekommen ist?
Zugegeben, ich habe den Film nicht gesehen. Ich werde ihn wohl auch nie sehen. Aber ich habe die Kritiken verfolgt, sowohl in traditionellen als auch in den sozialen Medien. Sturmhöhe als Buch hat mich begeistert. Diese rohe emotionale Kraft, die Gewalt, ja das Peitschen der Gefühle … ich kenne kein Buch, das so etwas je gewagt hat. Wie muss es da erst auf die viktorianische Leserschaft gewirkt haben? Ein Skandal, zweifellos!
Was mich am meisten ärgert an der ganzen Sache, ist, dass der Film als Liebesgeschichte vermarktet wird. Das originale Wuthering Heights ist keine Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte um Abhängigkeiten und Bedrohungen, um Hass und mangelnde Reue, um Rassismus und Sexismus, ja, so vieles mehr. Nach allem, was ich erfahren habe, ist der Film das nicht. Und das ist so, so schade. Mich beschleicht das Gefühl, man hat alles gestrichen, was irgendwie spannend, kontrovers oder komplex ist, nur um eine seichte Schmonzette in Miederoptik zu produzieren. So als könnte der moderne Zuschauer (bzw. wohl eher die moderne Zuschauerin, denn die Filmwerbung richtet sich sehr eindrücklich an weibliche Zuschauer) sich nicht mehr mit ernsten Themen befassen und diese adäquat verdauen. Ganz ehrlich? Ich fühle mich verarscht.
Zum Glück bleibt mir das Original. Und ich möchte diesem wunderbaren Buch hiermit meine wärmste Empfehlung aussprechen. Wer wissen will, wer Heathcliff und Catherine wirklich waren (Hint: Sie waren kein klassisches, romantisches Liebespaar, das gegen die Widrigkeiten der Umwelt ihre Liebe verlor, sondern durch und durch toxisch), der sollte sich auf diesen Klassiker der englischen Literatur unbedingt einlassen.