Eine Szene unterm Schneidetisch

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„Das Vermächtnis der Agnes Bernauer“ hat in den sechs Jahren, in denen ich daran gesessen habe, viele Entwicklungsstadien durchlaufen.

Zu einem Zeitpunkt musste ich den Roman um 40% kürzen. Ein Beschluss, der später zum Glück nicht mehr zum Tragen kam, da der Verlag sein Veröffentlichungsangebot zurückzog. So konnte ich nach und nach die Stellen wieder einpflegen, die mir eigentlich sehr wichtig gewesen waren.

Anderes blieb für immer draußen, darunter unwichtige Nebenpersonen und Nebenhandlungen, die nichts zur eigentlichen Aussage beitrugen. Andere Szenen waren zwar von ihrer Aussage her wichtig, aber um mehr Spannung und Dichte zu erzeugen, musste ich die Gesamthandlung straffen und versuchen, diese Informationen sinnvoll woanders unterzubringen. Wer den Roman bereits gelesen hat, der wird mit vielen Themen in dieser weggeworfenen Szene bereits vertraut sein.

Viel Spaß beim Lesen!

München, Juli 1428

Herzog Ernst unterbrach seinen Redeschwall, um sich einen Schluck Wasser zu gönnen. »Und deshalb«, fuhr er mit einem Schmatzen vor, »meine Herren Hofrat, sind wir, der ehrenwerte Herzog Wilhelm und ich, zu dem Beschluss gekommen …«

Er brach ab. »Albrecht!« Die Stimme war schneidend.

Albrecht fuhr zusammen. Schnell richtete er sich auf. »Vater?«

»Stimmst du unseren Beschlüssen zu, Sohn?«

Beschlüssen …? Verunsichert warf er einen Blick in die Runde, die sich rund um den Beratungstisch zusammengefunden hatte. Er hatte gar nicht bemerkt, wie er mit dem Kopf auf die Hand gestützt aus dem Fenster geschaut hatte. Es war ein herrlicher Sommertag: Armeen von Schwalben zogen ihre Kreise unter einem strahlend blauen Himmel. Seine Gedanken waren irgendwo dort draußen gewesen … auf einer duftenden Wildblumenwiese, mit Agnes, ihr Kopf in seinen Schoß gebettet, die Kornblumenaugen geschlossen …

Nun waren alle Augenpaare erwartungsvoll auf ihn gerichtet.

Er räusperte sich und knetete die Hände auf der Tischfläche. »Ja, Vater, ja doch. Ich unterstütze Euren Beschluss.«

Die Augenbrauen seines Vaters zogen sich bedrohlich zusammen. »Du weißt noch nicht einmal, was wir planen zu beschließen, und sogleich willst du es unterstützen?«

Albrecht schaute zu seinem Onkel, doch dessen Miene war verschlossen.

»Nun ja, ich …« Er erkannte, dass es keinen Sinn hatte, das Spiel weiter zu spielen. Er würde sich nur noch mehr hineinreiten. »Bitte verzeih. Ich war ein wenig abgelenkt.«

»Mir tut es leid, dass wir dich mit hoher Politik langweilen, Sohn.«

»Nein, nein, das ist es nicht.«

Wilhelm seufzte auf, dann sprang er, wie schon so viele Male zuvor, zu Albrechts Rettung. »Bei diesem herrlichen Wetter wünscht wohl keiner, lange in der Sitzungshalle auszuharren. Lass es uns schnell zu Ende bringen, Ernst. Mir steht ebenfalls der Sinn nach einem Ausritt.«

Der Herzog bedachte seinen Bruder mit einem erzürnten Gesichtsausdruck. Grummelnd schob er die Papiere auf dem Tisch zusammen. »Jedenfalls … Die einzelnen Lager beharren auf ihren Standpunkten, obwohl die Landschaften eine schnelle gütliche Einigung wünschen. Unser verehrter König Sigismund ist allerdings diesen Sommer auf Türkenfeldzug und wird in nächster Zeit keine Entscheidung bezüglich der Straubinger Teilung verkünden. Wir glauben, dass München dennoch in einer guten Position ist. Besser noch, nicht wahr, Albrecht, wenn wir belegen können, dass unsere Dynastie Fortbestand haben wird, nämlich indem wir bald eine neue Verlobung vermelden.«

Die Köpfe des Hofrats fuhren alle gleichzeitig zu ihm herum wie in einer spannenden Partie von Jeu de Paume.

Albrecht schluckte.

»Hast du dir Gedanken gemacht zu der Kandidatin, die wir dir letzte Woche vorgeschlagen haben?«, fragte Wilhelm.

»Das habe ich, Onkel.«

»Und, was hast du zu unserem Vorschlag zu sagen?«

»Onkel, hattet Ihr mir nicht versprochen, dass die Dame jung und hübsch sein soll?«

»Sie ist zwanzig, mein Junge.«

»Aber ist sie hübsch?«

Die beiden Herzöge wechselten einen irritierten Blick. »Was hat das damit zu tun?«

»Mir ist es wichtig.«

Ernst schnalzte mit der Zunge. »Sie kommt aus gutem Hause und wird München stärken. Das ist es, was dir wichtig sein sollte.«

»Es ist meine einzige Bedingung, Vater. Und Ihr habt beide zugestimmt.«

»Sie ist sehr hübsch, mein Junge«, sagte Wilhelm.

»Ich wünsche einen Beweis.«

»Schick deinen Hofmeister zu ihr. Er soll dir Bericht erstatten.«

»Mit Verlaub«, sagte Albrecht. »Der Graf von Sedlec und ich, wir haben unterschiedliche Ansichten darüber, was wahre Schönheit ist. Ich vertraue ihm in allen Punkten, doch hier muss ich leider eine Ausnahme machen.«

Einer der Hofräte gluckste vergnügt und wurde mit einem erbosten Blick von Ernst abgestraft.

»Sohn, du planst offenbar, diesen Prozess ins Lächerliche zu ziehen.«

»Keineswegs. Ich möchte lediglich Sicherheit. Hier handelt es sich um eine folgenschwere Entscheidung sowohl für mich als auch für München und ich kaufe doch nicht die Katze im Sack!«

»Was schlägst du also vor?«, fragte Wilhelm.

»Ich verlange, dass ein Gemälde angefertigt wird. Der Künstler soll wahrheitsgemäß ihre Schönheit abbilden. Wenn sie mir gefällt, bin ich bereit, mich mit ihr auf halber Strecke zu treffen, um ihren Intellekt zu prüfen.«

Entrüstet murmelten die Hofräte durcheinander.

»Das ist ein unerhörtes Begehren!«, sagte Ernst.

»Der Junge hat recht, Ernst. Wir haben es ihm versprochen, und wir sind verpflichtet, uns an diese Abmachung zu halten.«

Einige der Herren bei Tisch nickten zustimmend. Versprechen durften nicht gebrochen werden, das konnte jeder nachvollziehen.

»Eine Posse«, zischte sein Vater, dem Wilhelm, wie Albrecht wusste, besagtes Versprechen in einem schwachen Moment abgeluchst hatte.

Der Ratsherr neben Albrecht machte sich eine Notiz. »Ich werde mich nach einem Meister erkundigen, den wir ausschicken können. Ich kenne da jemanden, der gewiss bereit wäre, den Auftrag für uns auszuführen.«

Ein anderer schüttelte den Kopf. »Aber es wird dauern, bis ein Gemälde angefertigt ist.«

»Monate!«, sagte ein Dritter. »Ich habe einmal ein Bild für meine Gemahlin bei einem Holländer in Auftrag gegeben. Der Künstler arbeitete ein ganzes Jahr daran.«

Sein Nachbar rief: »Ich habe da eine gewisse Ahnung, wieso!«

Der vorwitzige Einwurf löste allgemeine Heiterkeit aus.

Ernst hob mahnend den Finger. »Wir haben nicht so viel Zeit. Wir geben dem Künstler vier Monate, um das Bild anzufertigen und nach München zu übersenden. Und dann, Albrecht, erwarten wir eine Entscheidung von dir.«

Albrecht unterdrückte ein Grinsen. Sein Vater sagte zwar ›Entscheidung‹. Was er jedoch in Wahrheit forderte, war eine Einwilligung. Doch die würde er von ihm nicht so schnell bekommen. Diese Art von Katz-und-Maus-Spiel konnte er noch jahrelang weiterführen. »In Ordnung, Vater. Wenn ich das Bild der Dame vor Augen habe, werdet Ihr eine Entscheidung von mir erhalten.« Er lehnte sich erleichtert zurück. Er hatte einen Aufschub erwirkt.

Und der war vonnöten, denn seit Pfingsten war Agnes nicht mehr bei Hofe, und er vermisste sie schrecklich. Nachdem seine Mutter kurz nach Ostern erkrankt war, hatte der Leibarzt ihr eine Luftkur auf dem Land verschrieben. Sie war daher mit ihrem Haushalt in ihr bevorzugtes Landgut nach Odelzhausen gezogen. Um den Schein zu wahren, hatte Agnes sie als ihre Hofdame begleitet. Seitdem hatte Albrecht sie nicht mehr zu Gesicht bekommen, und nun war es schon Juli! Kurzzeitig hatte er überlegt, mit Jan hinterher zu reisen, damit er sie wenigstens für ein paar Tage um sich hatte, doch die Regierungstätigkeit hatte ihn in München gehalten.

Nun hatte er immerhin einen Aufschub erwirkt, was die Verlobungssache anging. Vielleicht im nächsten Jahr, da würde er sich zu einer Verlobung durchringen, und selbst dann ließe sich die Hochzeit immer noch aufschieben. Es gab Mittel und Wege, die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen zu lassen, und er kannte sie alle.

Ernst vollführte einen Wink zum Schreiber, der das Besprochene für die Akten festhielt, und sagte: »Kommen wir zum nächsten Punkt der Tagesordnung. Die Ketzer in der Oberpfalz.«

Plötzlich redeten alle durcheinander. Die Hussiten waren eine dräuende Gefahr, die jedem der Anwesenden zu schaffen machte. Erst vor wenigen Tagen waren beunruhigende Nachrichten zu ihnen durchgedrungen, die besagten, die Gottlosen hätten mit 10.000 Mann am Ufer der Donau gestanden, diese aber wie durch ein Wunder nicht überquert. Das alles hatte sich weit weg entfernt abgespielt, in Mähren, nicht an der Grenze zu Bayern, doch allein die unfassbare Heeresgröße bereitete allen Anwesenden Bauchschmerzen.

»Unser Vetter und Schwiegersohn, Johann von der Oberpfalz, erbittet Streitkontingente. Das hussitische Heer will durch den Winter gebracht werden, und die Scheunen der Oberpfalz werden im Herbst reich gefüllt sein. Es wird erwartet, dass Räuberbanden über die Pässe ziehen und den Bauern zusetzen werden. Ich erwarte Vorschläge, was wir antworten sollen.«

»München sollte ihm auf jeden Fall beistehen«, sagte der Ratsherr neben Wilhelm. »Wir sind verpflichtet, auch an Pfalzgräfin Beatrix zu denken.«

Die anderen nickten murmelnd. Das Wohl von Albrechts Schwester, die sich erst vor kurzem mit dem Pfalzgrafen vermählt hatte, lag ihnen allen am Herzen.

»Wir müssen alles dafür unternehmen, dass sie nicht im nächsten Sommer ein noch größeres Heer aufstellen. Wir hoffen, dass König und Papst nächstes Jahr einen weiteren Kreuzzug ausrufen werden«, sagte Ernst.

»Wie reagieren die anderen Teilherzogtümer in Bayern auf die Bedrohung?«

»Herzog Heinrich hat angekündigt, dass er sich eine Beteiligung durch den Kopf gehen lassen wolle. Aber offen gesprochen: Das hat er letztes Mal ebenfalls gesagt, und es ist nichts geschehen.«

Wilhelm fuhr sich brummend über den weißen Bart. »München muss ein Zeichen setzen. Wenn keiner im Reich den Grenzmarken zu Hilfe kommt, wird uns diese Ketzerbewegung überrollen. Wir wären gut beraten, eine Führungsposition im Süden einzunehmen und der Oberpfalz unter die Arme zu greifen.«

»Heinrichs zögerliche Haltung ist für uns von Vorteil«, sagte Ernst. »Es wird unsere Stärke und Entschlossenheit beim König hervorheben. Das wird sich zwangsläufig günstig auf die Straubinger Angelegenheit auswirken.«

Wilhelms berechnender Blick glitt zu Albrecht.

Oh nein, bitte, Onkel, nicht, dachte jener erschrocken. Tu’s nicht …

»Meine Herren, ich plädiere dafür, dass unser Prinz Albrecht eine Truppe Ritter anführt. Ein deutlicheres Zeichen können wir nicht setzen. Der Erbe des Hauses München wird gegen die Hussiten kämpfen und sie in die Schranken weisen.«

Zustimmendes Gemurmel bei Tisch.

»Aber Onkel, sollte ich mich wirklich …«

Wilhelm, ganz der Diplomat, schnitt ihn ab. »Neffe, dies ist eine fantastische Gelegenheit, deine Führungsqualitäten und dein militärisches Geschick unter Beweis zu stellen.«

Albrechts Blick glitt zu Ernst, der an seinem Spitzbärtchen zupfte.

»Der König wird unseren persönlichen Einsatz zu schätzen wissen,« fuhr Wilhelm fort. »Die Vettern hingegen werden in einem schlechten Licht dastehen.«

Albrecht schloss den Mund. Alles in ihm sträubte sich gegen diesen Plan. Er hatte sich so darauf gefreut, dass Agnes spätestens im August wieder nach München zurückkehrte. Wenn er kurz darauf ins Feld zog, würde ihnen wieder nicht viel gemeinsame Zeit bleiben. Ganz zu schweigen von den Strapazen und den Gefahren eines Feldzugs.

Er warf dem Onkel einen flehenden Blick zu. Dessen Miene zeigte Zufriedenheit. Albrecht verstand, was Wilhelm durch den Kopf ging. Er sah in dieser Proposition die einmalige Gelegenheit, dass sein Neffe endlich die Achtung seines Vaters errang, was hoffentlich zu einem Ende der Spannungen im Hause München beitragen würde.

Mit einem Seufzen erkannte er die Raffinesse in Wilhelms Vorschlag. Bewährte Albrecht sich bei einem Kriegszug gegen die Hussiten, würde er als Held heimkehren. Und würde Ernst es versäumen, einem Kriegshelden die geschuldete Aufmerksamkeit und Ehrungen entgegenzubringen, würde das zu schwerwiegenden Spannungen mit dem Hofrat führen.

Es musste sein. Es gab keinen anderen Weg.

Quietschend schob er den Stuhl von sich und kam auf die Füße, sodass alle zu ihm aufschauen mussten.

Dann verkündete er: »Meine Herren, ich stimme diesem Beschluss zu.«

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